Treibgut Highlight

Nackter Tango

Kennenlernen im Zweivierteltakt

von Matthias Matting

mit Fotografien von Klaus Mellenthin

Sie haben nur etwa neunzig Sekunden Zeit. Der Mann legt den Arm auf den Rücken der Frau, sie umarmt ihn. Beide lehnen sich etwas nach vorn, Brust an Brust. Die Frau schließt die Augen. Wie fühlt sie sich an, die Berührung? Sind ihre Brüste weich und groß oder klein und spitz, trägt sie einen BH? Wie riecht er? Ist er frisch rasiert?

Noch bevor die Musik ihren traurigen Gesang beginnt, hat das Paar einiges über sich gelernt. Jetzt setzt der Mann mit links seinen ersten Schritt. Er verlagert das Gewicht wieder nach rechts, wiegt die Frau, pausiert. Er tritt nach links, während er den Oberkörper leicht nach rechts dreht. Hat sie sein Signal verstanden? Konnte sie seine Geste interpretieren? Geht er beherzt oder zögerlich?

Im argentinischen Tango ist es üblich, regelmäßig den Partner zu wechseln. Auf drei thematisch zueinander passende Tänze, Tanda genannt, folgt eine Cortina, spanisch für Vorhang: die passende Gelegenheit, sich vom Partner zu verabschieden, ohne unhöflich zu sein. Ob später eine weitere gemeinsame Tanda folgt, entscheiden meist die ersten 90 Sekunden. Findet das Paar, das sich zuvor nie gesehen hat, in dieser Zeit eine gemeinsame Sprache? Fließen die Bewegungen harmonisch – oder führt er vielleicht doch zu rabiat oder zu vorsichtig?

Tango argentino, der wohl sinnlichste aller Tänze, funktioniert nur, wenn sich das Paar völlig aufeinander einlässt. Der Mann führt, die Frau folgt – was so einfach klingt, erfordert von beiden Seiten Offenheit. Der Führende spürt, wie stark er Signale geben muss, und die Partnerin setzt mit minimaler Verzögerung ihre eigenen Schritte. Dabei ist sie jederzeit auf Überraschungen gefasst. Es gibt keine Choreographie, aus einem Repertoire an Grundelementen improvisieren die Tänzer im Gleichklang, was zur Musik passt.

So funktioniert es jedenfalls bei dem Paar, das gerade zum zweiten Mal die Tanzfläche betritt. Ein sanfter Impuls und die Absätze der Frau malen eine Acht auf das Parkett, bis der rechte Fuß des Mannes sie berührungslos stoppt. Eine unendlich scheinende Pause, das Bandoneon jammert, dann schiebt sich ihr Schienbein über seines, der Netzstrumpf reibt über den Anzugstoff. Kaum merklich gibt er sie einen Moment frei für eine kurze Fußbewegung, eine Verzierung.

Tangopaar im roten Licht
Foto: Klaus Mellenthin

Die Frau, etwas über 40, ist in ein schwarzes Korsett geschnürt. Das Tüllkleid darunter verhüllt wenig. Die Highheels sind waffenscheinpflichtig. Der Mann, der sich gerade an ihre Brust lehnt, scheint deutlich jünger. Schwarzer Anzug, ein Tuch in der Brusttasche, Lackschuhe – wären da nicht die gegelten Haare, könnte er direkt aus einer britischen Butlerschule kommen.

Er könnte mit ihr reden, aber das ist hier nicht nötig. Aufgefordert hat er sie per Blickkontakt, Cabeceo genannt. Sie hat nicht weggesehen, sogar nett gelächelt – ein eindeutiges Signal, dass der Mann neben ihr nur zufällig dort sitzt oder jedenfalls nichts gegen einen Tanz mit dem anderen hat. Die Lackschuhe des Mannes haben schon ein paar Fußabdrücke abbekommen – es geht eng zu auf der Tanzfläche dieser Bar in einer Stuttgarter Vorstadt.

»Nackter Tango« heißt die Veranstaltung, zu der Gerd Braun nun schon zum vierten Mal eingeladen hat. Der Titel dieser ganz besonderen Milonga – so heißen die Tango-Tanzpartys – trügt zwar, deutet aber in die richtige Richtung: Es soll zurückgehen zu den Wurzeln der getanzten Umarmung, die in den Kneipen und Bars der Hafenviertel von Buenos Aires und Montevideo entstand. Ein buntes Einwanderergemisch gebar hier Ende des 19. Jahrhunderts aus kaum noch entwirrbaren, teils afrikanischen, teils osteuropäischen Einflüssen zunächst die fröhlichere Milonga und später den oft düster-traurigen Tango.

Damals tanzten ihn Arbeitslose, Kleinkriminelle, Prostituierte – heute sorgen schon die 40 Euro für den Eintritt, die langen Anfahrtswege und die nötige Hotelübernachtung der aus Berlin, Frankfurt, Hamburg oder München anreisenden Besucher dafür, dass sich das Publikum eher aus Homöopathen, Lehrerinnen, Webdesignern oder Selbstständigen zusammensetzt. Vor der schummrig beleuchteten Bar in dem Stuttgarter Vorort parken überwiegend Autos der Mittel- und Oberklasse. Da Tango-Fähigkeiten zu den Grundvoraussetzungen gehören, gibt es keine Voyeure, nur Akteure.

Die meisten der fast hundert Gäste sind als Paar gekommen und werden als Paar gehen – hinzu kommen vor allem einzelne Herren. Den weiblichen Tango-Tänzerinnen, den Tangueras, ist das recht, denn oft herrscht auf Milongas ein ausgesprochener Frauenüberschuss. Hier kommen auf sechs Damen sieben Herren – damit ist jeder Tänzerin die Aufmerksamkeit eines Mannes gewiss. Doch das allein macht nicht den Reiz dieser Art von Tango-Veranstaltung aus, die man mittlerweile regelmäßig auch in Berlin, Hamburg oder Nürnberg erleben kann. Eine Teilnehmerin beschrieb ihre Eindrücke später so: »Wenn ich jetzt ein Schmetterling wäre, würde ich nicht mehr aufhören, von einer Blume zur nächsten zu fliegen. Denn ich fühle mich seit gestern federleicht … Ich denke, so fühlt sich Weltfrieden an.«

Im Kerzenlicht geht es – das hört man von den Gästen immer wieder – vor allem darum, mit Hilfe des Tangos die Facetten der eigenen Sinnlichkeit zu erspüren. Es steht die Möglichkeit im Vordergrund, die hier besonders weit gefasst ist und auf übliche Tabus verzichtet. Ein Teilnehmerpaar aus Stuttgart etwa lobt: »Meine Frau genießt es besonders, mit luftiger, erotischer Kleidung zu spielen und sich so zeigen zu dürfen, ohne dass jemand die Nase rümpft.« Und ein Paar aus Waiblingen ergänzt: »Alle Erotik, die beim Tanzen aufgebaut wurde, könnte gelebt werden. Alles, was sonst verboten ist, wäre möglich.«

Tanz im roten Licht
Foto: Klaus Mellenthin

Auf der Tanzfläche wird zunächst vor allem: getanzt. Dabei brauchen die Tänzer Geduld. Immer wieder stockt der Tanzfluss, weil sich Paare zu sehr ineinander verhakeln. Ob nun der Tanz oder die sich spürbar aufheizende Luft in der Bar schuld sind: Mit der Zeit wächst der Anteil der Damen, die oben oder auch unten unbekleidet tanzen. Auf den Sofas rundherum beschäftigt sich manch einer mit den körperlichen Vorzügen seiner Auserwählten. Zudem steht ein Séparée zur Verfügung, das alle weiteren Möglichkeiten bietet.

Der Zauber dieser Stimmung bedingt wohl auch, dass das Kennenlernen hier besonders tiefgehend abläuft. Die Blicke sind, erzählt eine Teilnehmerin, intensiver, forscher, erotischer, leidenschaftlicher als auf normalen Milongas. Und man sollte sich trauen, diese Blicke anzunehmen, in einer Haltung der Neugier und Abenteuerlust und mit der Offenheit für all das, was man noch nicht kennt.

So erging es der groß gewachsenen Brünetten denn auch bei einer früheren Veranstaltung: »Er saß neben mir. Ich nahm nur seine großen, braunen Augen wahr. Sie leuchteten warm und strahlend. Nicht aufdringlich, eher behutsam und neugierig. Wir redeten kurz, lachten miteinander, tanzten, dann setzten wir uns wieder hin. Er schaute direkt in meine Augen und sagte mir: ›Küss mich!‹ Und ich küsste ihn. Das Kennenlernen war kurz und knapp, und wir sind bis heute gute Freunde.«

Aus: Feigenblatt, Heft 23, S. 82–84 · Original-Artikel als PDF (Feigenblatt, Heft 23)

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